The History of Psychedelic Trance

 

Hallo ihr Lieben,

bevor wir uns mit der geschichtlichen Entwicklung des Psychedelic Trance befassen, seht ihr hier vorab einen kurzen Historischen Abriss über Techno und die sich daraus resultieren Weiterentwicklungen.

Dieser Text stammt von Kai Mathesdorf (Mushroom Magazine) www.mushroom-online.de

und einer kleinen Passage aus der „Keys

 

Techno ist elektronische Musik und basiert musikgeschichtlich auf House und Elektro. Der Begriff „House bezieht sich auf einen Club, der in einer Lagerhalle im Hafen von Chicago mitte der 80er Jahre begründet wurde: das „warehouse. Dort wurde soulige, schwarze, vocal-orientierte Disko Musik mit elektronischen Beats unterlegt, die der Disc-Jockey selbst zuvor auf analogem Tonband produziert hatte, d.h. der DJ erzeugte aus der Kombination von zwei Musikstücken ein neues. Dazu kam das Phänomen des Mixens: der DJ konnte durch das Überblenden und Übereinanderlegen von verschiedenen Tracks ein theoretisch unendlich langes Stück Musik spielen. Die besten DJ`s dieser Zeit, wie Frankie Knuckles und Ron Hardy haben schließlich angefangen, komplette Stücke zu produzieren, aufzulegen und später auf Labels wie Trax und DJ International zu veröffentlichen. Mit Musikern wie Ralphie Rosario, Mickey Oliver, Marshall Jefferson und Mr. Fingers entstand gegen Ende der 80er Jahre eine komplette House Avantgarde. Während Chicago immer Soul- und Disko- dominiert war, bildete sich in Detroit um lokale Größen wie Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May parallel ein eher rhythmus- und funkorientierter, minimaler Stil, der stark durch europäische Computermusik von z.b. Kraftwerk und Klaus Schulze (Produzent von u.a. Tangerine Dream) aber auch durch englische Wave- und Indie Bands, wie z.b. Depeche Mode, New Order und Nitzer Ebb geprägt war. Die Musik aus Detroit gilt als der amerikanische Techno.

Ein Zufall führte in Chicago zu einem parallelen ganz neuem Stil, dem „Acid. Acid bezeichnet eigentlich einen typischen Sound, der entsteht, wenn man einen bestimmten speicherfähigen Synthesizer wider seiner Gebrauchsanweisung benutzt. Als Erfinder des Acid gelten die zwei Chicagoer House-Musiker Nathaniel  „DJ Pierre Jones und Earl „Spanky Smith. Die beiden kauften sich ein Jahr nach Produktionseinstellung eine gebrauchte Roland TB 303 und benutzten das ursprünglich als Bass-Synthesizer deklarierte Gerät für grelle, pfeifende und zwitschernde Sounds. Dazu schraubten sie heftig an den Reglern - der Acid Sound war geboren. Das Ergebnis ihrer Soundexperimente nahmen sie auf Band auf und gaben es Ron Hardy, damals Resident DJ in der Chicagoer „Box. Dieser spielte die 15 minütige Jam-Session dort gleich viermal in einer Nacht.

Zunächst war diese Musik nur auf Bootleg-Tapes erhältlich. 1986 schlossen sich DJ Pierre, Spanky und Herbert Jackson zur Formation Phuture zusammen. Ein Jahr später erschienen die „Acid Tracks offiziell auf dem Chicagoer Trax-Label. Nach mehreren Umbesetzungen und Umbenennungen nennt sich diese Formation seit 1996 Phuture 303, bestehend aus Spanky, Roy Davis jr., Prof. Traxx und DJ Skull. Der Name Acid-Tracks entstand in Anlehnung an den Acid-Rock und nicht, wie oft vermutet, aufgrund der Droge Acid. Neben Phuture experimentierten auch die DJ`s Slaezy D, Adonis und Bam Bam bereits sehr früh mit den Resonanzfiltern der TB 303.

Ähnlich wie House- und Techno- gelangten auch US-Acid Platten nach Europa und fanden vor allem in England begeisterte, wenn auch gewiss nicht Chart sprengende Aufnahme. In England entwickelte sich eine eigene, sehr untergroundige Acid-Kultur mit DJ`s wie Baby Ford, „A Guy Called Gerals und der Club Hymne „We call it Aciiieeed von D-Mob; erstmals wurden illegale, durch die neu auftretende Droge „Extasy beschleunigte, große Open Air-Tanz-Parties, die sogenannten „Raves veranstaltet. Wie die meisten großen Hypes fand Acid das Ende durch peinliche Kommerzialisierung. Die Raves wurden trotz staatlicher Verbote mit Gitarren-orientierter Musik (Happy Mondays, Stone Roses, Primal Sream,…) weiter gefeiert, bis die Polizei richtig hartnäckig durchgriff und den Rave-Spass erstickte. Das Feuer war jedoch gelegt und so suchte man Ausweichmöglichkeiten im europäischen und außereuropäischen Raum. Innerhalb eines Jahres war ganz Europa infiziert. Acid House und die Aufkommende Rave-Bewegung waren das Pendant der Dance-Szene zum Punk. Selbst auf den Strassen von Budapest grinste einem das Markenzeichen  der Szene, der Acid-Smiley von zahlreichen T-Shirts entgegen, Europa hatte damit seine erste Dancefloor Subkultur auf Massenbasis erlebt.

Mit dem Aufkommen von Techno aus und in Kontinentaleuropa ab Ende der 80er Jahre ging der große Feldzug elektronischer Musik erst richtig los. Deutschland, insbesondere die Zentren Berlin (Dr. Motte, Westbam,…) und Frankfurt (Talla 2XLC, Sven Väth,…) haben mit Techno in vorzüglichen Clubs eine neue Art von Underground-Kultur geschaffen. Der sich öffnende Osten Berlins und die ständige Konkurrenz zu Frankfurt war für die Szenen beider Städte außerordentlich belebend und führte zu Clubs wie dem „Dorian Gray/Omen und dem Berliner „E-Werk - vom englischen Magazin „I-D zum besten Club der Welt erklärt. Gegenseitige Rückwirkungen mit Detroiter Techno haben die Szene dauernd neu befruchtet. Juan Atkins, Blake Baxter und Eddie Flashin` Fowles legten im Berliner Club „Tresor auf und veröffentlichten auf den gleichnamigen Label. In Frankfurt entstanden unter der Ägide von Ralf Hildenbeutel und Sven Väth „Eye Q Records und „Harthouse, die mit Tracks von u.a. Earth Nation, Kox Box und Dem Dritten Raum den Soundtrack auch für die aufkommende Goa-Szene veröffentlichten. In Berlin war MFS (Mastermind for Success) entstanden mit Projekten von Cosmic Baby, Paul van Dyk und Mijk van Dijk, in Hamburg erschien mit Superstition ein Outlet für Techno und Trance mit bahnbrechenden Releases von Oliver Lieb (The Ambush, Paragliders, LSG, Spicelab). Während große Teile dem Hype des Mainstream erlagen und ihre Innovation und Kraft gegen schnellen Charterfolg verkauften, fand die Psychedelic Trance Szene immer mehr Zuspruch durch übersättigte, endidealisierte Techno Jünger.

 

Goa / Psychedelic Trance

 

Indien zu bereisen, bedeutet, sich auf die Verrücktheit des Landes einzulassen, sein surreales Chaos verstehen oder zumindest sich von ihm treiben lassen zu wollen. Deswegen war Indien immer ein facettenreiches Land, das weit weniger touristisch erschlossen ist als viele andere Asiatische Länder. Auf diesem Kontinent im Kontinent liegt Goa, an der Westküste ca. 600 km südlich von Bombay. Goa ist ein Bundesstaat und keine Insel, wie viele meinen, der bis 1962 portugiesische Kolonie war. Dadurch ist Goa sehr Christlich geprägt und unterscheidet sich von anderen indischen Landstrichen durch Liberalität, religiöse Offenheit und kulturelle Vielfalt. Durch die klimatischen Gegebenheiten - die durchschnittliche Temperatur liegt im Jahresablauf zwischen 20-34 Grad.-, durch die wunderbaren, nahezu unberührten Strände, und das ungeschlagene Preis/Leistungsverhältnis im Gegensatz zum Leben im westlichen Kulturen, entwickelte sich dieser Landstrich bereits in den 60er Jahren zu einem internationalem Treffpunkt von Esoterikern, Mystikern, nach Spiritualität und Wahrheit suchenden, von Anarchisten, New Age Philosophen, Outlaw`s, Drogendealern und so berühmten Freaks wie z.B. Eight Finger Eddi.

Von den freundlichen Einheimischen gern aufgenommen, entstand ein buntes Psychedelisches Paradies aus Jet-Set Hippies und Low Cost- Travellern, die verband, dass sie ihre Position meist außerhalb der konventionellen westlichen Gesellschaft hatten, den kalten europäischen oder amerikanischen Winter aussetzen wollten und hier den schönen und intensiven weiten des Lebens nachgingen. Das ging recht lang sehr gut und unbeobachtet, Charas beispielsweise, das indische Hasch, war Teil religiöser Praktiken und Lebensweisen von Yogis und Sadhus, gleichsam ein Teil indischer Kultur. Es wurde erst Mitte der 70er Jahre durch Druck der amerikanischen Regierung zu einer verbotenen Substanz. Mit feierfreudigen Freaks kamen natürlich auch Parties mit der Musik der Zeit wie Psychedelic-Rock und Später Reggae. Mit extra eingeflogenen Generatoren und Musikanlagen an Stränden und Palmenhainen gewannen diese Parties zunehmend an Energie und Bedeutung für die Szene, es gab sogar psychedelische Theater, Performences am Strand. Dekorationen aus fluoreszierenden Farben und indischer Mythologie wurden zunehmend Bestandteil des Lebens in Goa. In der Saison 87/88 kam ein französischer DJ namens Laurent darauf, die Parties mit Elektrosounds zu beschallen. Das brachte ihm zunächst vehementen Widerstand ein, aber irgendwann ist der Zündfunke gefallen, und diese bizarre elektronische Musik schlug im Kontext der paradiesischen natürlichen Umgebung mit Nachdruck ein. Auch andere Leute kamen auf diesen Film und erkannten das immense Potential elektronischer Musik in diesem aus Zeit und Raum herausgelösten Platz. DJ Goa Gil war bereits 1970 aus Californien mit seiner Gitarre nach Goa gekommen und wurde schließlich der erfolgreichste Protagonist des Psychedelic Elektonic Dance und ist es bis heute geblieben. Legendengleich schuf er mit seinem Konzept des „Redefining the Ancient Tribal Ritual for the 21th Century die Verbindung von Beat und Spiritualität, von Yoga und Musik, um sich und der Crowd über die Trance-Dance-Erfahrung zu einem höheren Bewußtsein zu helfen. Zu Anfang war es noch schwierig, entsprechende Musik zu finden. Die DJ`s mischten Instrumental- und Dubversionen von B-Seiten von Wave und Electro-Tracks mit herauskopierten und aneinandergefügten Instrumentalstrecken verschiedenster Dance-Tracks von Tape mit pitchbaren Sony Walkmen, denn für Vinylplatten war Goa aufgrund von Hitze und Staub ohnehin nie der rechte Platz. Die Musik entwickelte sich zu einer bunten Mixtur aus Post-Wave, Electronic Body Music, New Beat, Front 242, Nitzer Ebb, aus belgischer, englischer und amerikanischer elektronischer Dancemusik. Die ersten Anfänge von Acid und der aufkommende Techno traf die Crowd wie das Wasser die ausgedürstete indische Kuh. Niemand interessierte sich dafür, wessen Musik aus welcher Tradition hier gespielt wurde, Techno-Musiker hatten keine Ahnung, was aus ihrer Musik in Goa entstand. Es war eine Explosion und Implosion, denn die Szene war ständig in Bewegung. Da Goa spätestens ab April für Europäer und Amerikaner zu heiß wird und die folgende Regenzeit im Juli bis August das Leben auch nicht angenehmer macht, kehrten die Freaks notgedrungen immer wieder in ihre Herkunftsländer zurück und verbreiteten dort diese Art von Party-Kultur und Musik, um in der jeweils nächsten Saison wieder neue Einflüsse nach Indien zu tragen. Goa entwickelte sich zu jenem Zeitpunkt zu einem der musikhistorisch innovativsten Zentren der Erde und zu einem Pool elektronischer Musik, denn mit Hilfe von Walkman und später durch das aufkommen von digitaler Tontechnik (Digital Audio Tape = DAT) kam es zur freien Kopierbarkeit von Musik und einem ständigen Austausch musikalischer Ideen und Strömungen. Durch die internationale Zusammensetzung der Crowd war Goa nicht nur Treffpunkt einer einzelnen Szene, sondern für Menschen aus völlig unterschiedlichen Sozialstationen ein „universal frequency freeway (DJ Ray Castle). Die in den späten 80er Jahren entstehende enorme Palette der Möglichkeiten, mit Hilfe von Computern und Synthesizern psychedelische Musik nur aus Strom zu erzeugen, sorgte zusammen mit den hier aufeinandertreffenden „Global Playern für einen kreativen Overflow, der sich unbegrenzt über den Planeten ausweitete. Musiker wie Johann Bley, zuvor noch Drummer der Hamburger Wave / Punk Band Ledernacken und später Teil der englischen Band Juno Reaktor, brachten Computer mit nach Goa, tanzten durch die Nacht und setzten ihre musikalischen Erfahrungen gleich am nächsten Tag um, um in der nächsten Nacht schon wieder zu dieser neuen Musik tanzen zu können. Aus diesem ständigen Zusammenkommen verschiedener Menschen aus unterschiedlichen Regionen und musikalischen Backgrounds entwickelte sich mehr und mehr ein eigenständiger Musikstil, den man schließlich Goa-Trance nannte. Der Ruf von Goa als Highend-Hippie Paradies wurde immer stärker und zog mehr und mehr Traveller und Verückte an, bis die Energie schier grenzenlos wurde; der australische Ollie Wisdom (Space Tribe) überschwemmte die Szene mit Unmengen psychedelischen Bewußtseins, sein Bruder begründete das entsprechende Klamotten-Label für Full-On Psychedelic Wear und ultraviolette Orgasmen.

In Deutschland trafen sich die Goa-Verückten, die sich und diese Parties aus Indien kannten, in einem etwa 30 km südlich von Hamburg gelegenen Ort namens Sprötze in einem ebenso unscheinbaren Gasthof namens Waldheim ab `89/90 regelmäßig. Das Publikum war eine bunte Mischung aus Freaks der ganzen Republik. Es war ganz normal, daß Leute z.B. extra aus Bayern für eine solche Party angereist waren. Irgendwann war es einfach zu voll, und die Leute fingen an, mitten auf der Bundesstrasse zu tanzen, so daß sie gesperrt werden mußte. Es lief nichts mehr, Stau in allen Richtungen, worauf man dann zum Ordnungsamt zitiert wurde. Seitdem mußten bei jeder Party die veranstaltet wurde im Voraus 1.000 DM Bußgeld gezahlt werden. Am Dorfstammtisch wurde auch ausgekungelt, mal ein fettes Open Air zu veranstalten. Diese Party ging 1991 als erste Voov-Experience mit immerhin 1.500 Leuten in die Techno-Geschichte ein. Eine dicke Party die viele Trance- und Goa-Jünger und manche DJ`s noch heute als ihre Initialzündung betrachten.

Zurück mit seinen Erfahrungen aus Goa war es Johann, der mit seinen englischen Party-Kollegen Youth, bis dahin bekannt als Partner von Alex Paterson beim Ambient Electro-Projekt „The Orb und als Bassist der Wave-Rock-Gruppe Killing Joke, den ersten offiziellen Goa Dance Track releaste. Das Stück hieß „Jungle High auf Paul Oakenfold`s Perfecto Label und war ein ganz dicker Charterfolg in England. Davon beflügelt, schuf Youth das erste Psychedelic Trance Label überhaupt. Er nutzte die Strukturen und die Tonstudios seines Butterfly Labels und nannte sein neues Kind passenderweise „Dragonfly. Dieses Label wurde kurzerhand der erste Personal- und Ideenpool der Londoner Goa-Szene, hier produzierte Ronald Rothfield, Flötist der legendären Jazz-Formation Quintessence und besser bekannt als Raja Ram zusammen mit Graham Wood die ersten Tracks ihres „The Infinity Projekt. Hier bekam Simon Posford seinen Durchstart und wurde vom Butterfly Tontechniker zu „Hallucinogen. Das erste Release von Dragonfly erschien im Mai 1993 und war ein Sampler mit Künstlern wie Genetic, Gumbo, TIP und Black Sun. Die zweite Compilation „Projekt II Trance im August des gleichen Jahres hatte bereits die Franzosen von Total Eclipse und die Mandra Gora Tracks von Johann und Youth an Bord. Im folgenden Jahr erschienen weitere Maxis und erste Tracks von Hallucinogen, Man With No Name (Martin Freeland), Prana (der Japaner Tsuyoshi Suzuki & der Australier Nick Taylor), Ayahuasca (u.a. Dini Psaras, heute Atomic A&R), Slinky Wizard und Doof (heute auf Simon Posford`s Twisted Label) und bereits die erste Order Odonata Compilation. In diesem Jahr entwickelte sich die englische Psy-Trance-Party-Szene sprunghaft, es entstanden Party-Kollektive wie Return To The Source und es kam parallel sehr schnell eine ganze Labelszene in Gang. Raja Ram und Graham Wood gründeten unter ihrem Projektnamen ein Label - in Kurzform TIP genannt, Prana`s Tsuyoshi Suzuki schuf mit John Perloff und Matsuri Records ein Label für wirklich headbangendes Zeug zwischen experimentellem Techno und Trance mit Releases von Transwave, Digitalis und Quirk, die Slinky Wizard Jungs James Monro, Dominic Lamb und George Baker begründeten mit Sally Welch als Labelmanagerin Flying Rhino Records. Simon Berry gründete Platipus Records - das erste Release war übrigens Vinyl von Technosommy alias James Monro - und konnte neben dem dicksten kommerziellen Erfolgs der Underground-Trancegeschichte mit der Aus-Lizensierung des Chartstürmers „Children von Robert Miles auch so bahnbrechende Alben wie Union Jack`s „There Will Be No Armageddon (1996) mit dem Trance-Klassikern „Red Herring und „Cactus verbuchen.

Eine der brilliantesten und gleichsam mysteriösesten Label wurde Blue Room Released. Blue Room verstand sich unter Simon Ghahary`s Leitung als wahrhaft innovatives Label, dem es von Anfang an um die Erweiterung des Musikbegriffs fernab von Goa-Kitsch oder Hippie-Romantik ging. Finanziell extrem stark, da eigentlich ein Abschreibungsobjekt eines schweizer Lautsprecherfabrikanten, wurden ohne Rücksicht auf irgendwelche Kosten oder Verkaufserwartungen die innovativsten Acts der Szene gesignt und mit brillanten Designs auf dem blauen Planeten verteilt. Im April 1995 erschien die erste Compilation „Outside The Reactor als 3er LP und CD mit einem weltweiten Tranceüberblick mit u.a. Spectral, Total Eclipse, Moog, Har-Ell, Voodoo People und Total Eclipse Meisterstück „Nautilus. Im gleichen Jahr erschienen auch die Debüt Alben von Total Eclipse, The Infinity Project und Ben Watkins` Co-Projekt Juno Reactor (mit „Beyond The Infinite mit 8 Tracks auf vier LP`s ebenfalls aus dem Vollen geschnitzt). Das prägnante Logo aus einem gedoppelten Bassschlüssel wurde fortan zu dem Erkennungsmerkmal der Szene. Die Hamburger Band X-Dream fand nach ihren brillianten Anfängen auf dem deutschen Labels Gaja und Tunnel Records bei Blue Room ein angemessenes Zuhause. Nach einem Etnica Album, X-Dreams „The Frog Maxi und dem zweiten genialen Streich „Violent Relaxation von Total Eclipse 1996 wurde das folgende Jahr mit Juno`s „Bible Of Dreams, Saafi Bros.`Mystic Cigarettes und der zeitgleich erscheinenden Maxi mit dem bahnbrechenden X-Dream Remix zu „Internal Code Error, der Delta-Maxi „As A Child, weiteren Maxis von Noosphere und Johann und den „Dragon Tales Album von Koxbox der Höhepunkt von Blue Room und des Psychedelic Trance erreicht.

Obwohl England auch angesichts seiner hervorragend entwickelten Indepentent Musikstruktur in Bezug auf Trance musikalisch jahrelang führend war, lief auf der Insel aufgrund der restriktiven Gesetzeslage (Criminal Justice Bill) in Bezug auf Party fast gar nichts. Open Air`s, die eigentlich Grundvoraussetzung einer richtigen Tranceerfahrung sind, waren gar nicht möglich und das Club-Leben wurde durch Sperrstunden beschränkt und demoralisiert. So entwickelte sich Deutschland mit seinen liberalen Gesetzen und dem frisch aufgeschlossenen Osten zu einem Partyparadies, was wiederum starke Auswirkungen auf die musikalische Entwicklung und den Erfolg deutscher Produktionen hatte. Mit dem Hamburger Label Spirit Zone war bereits seit 1994 ein deutsches Psy-Trance-Label am Start, das nach internationalen Releases (Kuro aus Japan, TIP aus England, Etnica aus Italien und Har-Ell aus Israel) auch deutschen Künstlern wie Electric Universe, Psy Psy 6, Ololiuqui, Star Sound Orchestra und dem S.U.N. Project Raum zur Veröffentlichung gab.

Die Berühmtheit Goa`s verbreitete sich weltweit; es wurde in der Folge mehr und mehr von Touristen überlaufen - allein von 1994 bis 1998 vervierfachte sich die Zahl der Touristen. Somit kam logischerweise das Gefüge aus Travellern und Einheimischen aus dem Gleichgewicht. Geld wurde zusehends wichtiger, denn auch die Inder und die indische Polizei spürten das finanzielle Potenzial, dass nun mit Nachdruck ins Land floss. Der ursprüngliche Spirit von Goa war nach einigen Jahren aufgeraucht, die Brotherhood der Trancer wich Egogehabe, Territorial-Kleinkriegen und Ignoranz.

Zu jenem Zeitpunkt stand die Psy-Tranceentwicklung auf ihrem Höhepunkt, alles war bis dahin immer größer und fetter geworden, die Voov-Experience (von Antaro und Scotty) und die Shiva Moon (von Jan Engel mit Scotty, später mit Waldheim`s Ernst und schliesslich ganz allein) erreichten Besuchermengen jenseits der 10.000 Leute. Mit dem seit 1993 stetig gewachsenem Antaris Projekt, vielen kleineren Veranstaltern und dem Lovefield kamen weitere Parties und Festivals hinzu, bis ein kompletter deutscher Partysommer entstanden war. Der Mainstream, Medien und Konzerne wurden nun auf das Phänomen Goa aufmerksam, obwohl die inhaltliche Spitze bereits überschritten war. Durch ihren Erfolg mutierten ehemalige Vorzeige - Freaks zu arroganten, selbstgefälligen Arschlöchern, viele DJ`s fühlten und benahmen sich mittlerweile Gottgleich. Kurzum: die Dekadenz hielt schließlich doch Einzug in das Feld des Spirit`s, obwohl anfänglich natürlich niemand gedacht hätte, das diese wunderbare neue Welt das gleiche Ende finden könnte, wie musikalische andere Entwicklungen zuvor auch. Matsuri beschied der Goa-Trance Scene bereits im Oktober 1997 das Ende mit der Compilation „Let it R.I.P. („Ruhe in Frieden). Die plötzlich nachlassenden Musikverkaufszahlen und der Zusammenbruch des englischen Vertriebs Flying zog eine Schneise der Verwüstung durch die Labelszene. Fast alle englischen Label wurden quer durch die Bank nicht mehr ausbezahlt und hatten schwer daran zu knabbern; bei manchen Labels ging im Bankrott auch ganz das Licht aus, wie z.b. bei TIP Records, das erst später als TIP World wieder das Licht der Welt erblickte.

Parallel zu dem Überschreiten des Zeniths des klassischen Psychedelic Goa Trance entwickelten sich neue musikalische Konzepte und Projekte, die die offensichtlichen, teilweise vordergründigen Effekte und die immensen Geschwindigkeiten zurücknahmen, mehr auf Groove und Beat setzten und Elemente aus Club-Trance, Techno und House einkreutzten. In Deutschland hatte sich bereits eine funktionierende Musikproduzenten-Szene um Act`s wie Digital Sun/Tarsis (Sebastian Krüger und Linus Wessel), Quija (SUN Projekt und diverse DJ´s), Earth (DJ Sangeet), Ololiuqui, Shiva Chandra und vielen anderen abgebildet. Die Voov Experience als alljährlicher europäischer Meeting Point hat diese Entwicklung in den Jahren 97/98 schnell über den Kontinent getragen. Viele Schweden fanden, von der Energie dieser Musik infiziert, eigene progressive Wege. Der erste und bekannteste von Ihnen wurde Tomasz Baliki, der nach ersten Produktionen als Mato Projekt mit Magnus Anderson (später erfolgreich als Noma) anschließend eine furiose Karriere als „Atmos hinlegte. Mit einer Maxi-Single auf Eve Records (Eve26 Body Trance) geriet er an Cass Cutbush, der zusammen mit James Monro gerade das Flying Rhino Label einer Frischzellenkur unterzog. Sein Track „Klein aber Doctor und die zeitgleich erscheinende Nummer „Confusional State von dem ebenfalls geläuterten Pete „Slide Martin auf der „3rd Flight Slipstream Compilation markierten die erfolgreichsten Veröffentlichungen von Flying Rhino bis dahin; die „Confusional State-Maxi wurde über 5.000-mal verkauft. Der neue Sound traf erneut den Punkt der Zeit und gab der Szene einen großen nachhaltigen Kick zum Erreichen neuer Ufer. Selbst so „konservative Label wie Dragonfly setzten auf den neuen Sound, in Schweden mutierte DJ Anti`s Label Spiral Trax zu einer Hochburg Progressiven Psy-Trance`, Atmos` Debüt- Alben, Noma und S-Range (vorher erste Releases bei Medium Records) wurden Meilensteine. Nach dem Release eines ersten Albums auf Novatekk launchte die Band Son Kite aus Malmö ebenfalls eine weitere große und erfolgreiche Plattform für den schwedischen Sound mit der MPDOX Labelgroup - Digital Structures und Baluns.

Mit dem Output im Rücken entwickelte sich der progressive Trance sprunghaft; es erschienen immer mehr minimale Bands und Label auf der weltweiten psychedelischen Landkarte, dabei entstanden regional unterschiedliche Szenen und Musikstrukturen, so ging die Bezeichnung von Off-Beat Trance als „Hamburger Schule in die Geschichte ein. Progressiver Psy-Trance entwickelte sich aber auch außerhalb Europas.

Im Zuge politischer Entspannung war es ab 1988 erstmals auch für Israelis möglich, ein indisches Visum zu bekommen. Der beinharte und stupide Militärdienst erweckte bei vielen israelischen Jugendlichen den Wunsch nach totaler Entspannung. Auf der Suche nach dem Gelobten Land wurden sie an den Stränden Indiens fündig und trafen - selbst bereits in der israelischen Club-Landschaft mit elektronischen Beats angefixt - auf die psychedelische Hippiegesellschaft im Umbruch zur elektronischen Musik. Somit wurden die Israelis von Anfang an zu einem bestimmten Teil der Global Psychedelic Trance Szene und entwickelten dabei eine ganz eigene und typische musikalische Handschrift. Mit DJ`s und Musikern wie Avi Nissim und Lior Perlmutter (als SFX; später zusammen mit Yaniv Haviv als Astral Projection), Har-Ell Prusky und Miko (California Sunshine), Guy Sebag, Avi Algranati (Phreaky, später Spacecat) und Ofer Dikovsky (Oforia) entwickelte sich schnell eine heftige, übersprühende Szene. Es entstanden Label wie Melodia Records 1992 mit der ersten Trancecompilation in Israel überhaupt, später Trust in Trance, Phonokol und Zoo-B`s Krembo mit den ersten Releases von Rami Shapira (Chakra) und Edi Mis. Spätestens als das bisher von Trance unbeleckte Mainstream Label NMC das erste Astral Projection Album „Indoor veröffentlicht hatte, gewann der Trance in Israel die Oberhand. Psy-Trance wurde wie nirgendwo sonst so massenkompatibel, chart- und radiotauglich und - „Volksmusik.

Die Party Szene in Israel entwickelte sich genau gegenläufig. Nachdem die staatlichen Mächte Wind davon bekommen hatten, wurde es umso schwieriger, die gerade erlangten Freiheiten zu verteidigen. Auch das erklärt die noch immer große Bedeutung von Goa für Israelis. In Israel gibt es inzwischen auch eine starke progressive Gemeinde, deren Fäden im Hintergrund von einigen alten Hasen wie Chakra (Optimus Records) und Zoo-B gesponnen werden (aus dem Label Krembo entwickelte sich U.S.T.A. = Underground Sound Of Tel Aviv).

Der stets globale Ansatz von Psy-Trance als Fusion der Kulturen hat sich immer weiter fortgesetzt. Inzwischen gibt es sehr lebendige Szenen mit Promotern, Labeln, Projekten und DJ`s in Australien (speziell Byron Bay), Südafrika, Südamerika (speziell Brasilien), Mexico, Tailand, Japan, Kanada und USA, Deutschland, Schweiz und Österreich, Israel, Portugal, Griechenland usw. mit ganz unterschiedlichen musikalischen Traditionen. Reisen bildet, Reisen zu Psy Trance-Events in anderen Städten, Ländern und Kontinenten bilden besonders.

 

!!! Enjoy Psychedelic Trance !!!